Urlaubshitze

Menschliches

Überall hört man von Hitze,
Manchen trifft sogar der Schlag,
Naß wird man am Hosensitze
Schon am frühen Vormittag.

Damen, denen man begegnet,
Leiden sehr am Ambopoäng:
„Gott! Wenn es nur endlich regnet!“
Ist der ewige Refräng.

Oberlehrer und Pastoren
Baden sich in diesem Jahr,
Ihre Scham geht auch verloren,
Und man nimmt sie nackicht wahr.

Busen, Hintern, Waden, Bäuche
Zeigt man heuer lächelnd her,
Und wir kriegen schon Gebräuche
Wie die Neger ungefähr.

Wenn das Barometer sänke,
Käme eine beßre Zeit
In Bezug auf die Gestänke
Und in puncto Sittlichkeit.

Ludwig Thoma

Feines Gedicht, veröffentlicht 1911 im Simplicissimus.

Es passt wunderbar zu einem Erlebnis in einem Supermarkt in Ahlbeck, welches mich am Samstag ereilt hat. Wir sind ja von unseren Gästen schon allerlei gewöhnt. Aber erwachsene Männer, bei denen die Schwerkraft die Bauchmuskulatur schon seit längerem besiegt hat, in einer schreiend gemusterten kurzen Hose ohne jegliche Oberbekleidung an den Regalen und Kühltheken zu sehen und dann auch noch hinter sich an der Kasse zu haben, das geht entschieden zu weit. Wobei es die Sache auch nicht besser machte, wenn mir ein Adonis in dieser Aufmachung erschienen wäre.

6 Kommentare

  1. Willst Du jetzt sagen Toleranz hat Grenzen oder Deine geschmackliche Belastungsfähigkeit? 😀

  2. Jürgen sagt

    Das hat mit Toleranz wenig zu tun. Ein Minimum an gesellschaftlichen Konventionen sollte schon eingehalten werden. Für mich gehört Oberbekleidung in geschlossenen, öffentlich zugänglichen Räumen dazu. 😉

    Wäre ich genauso dreist wie die beiden Kerle, ich hätte das Smartphone rausgezerrt und ein Foto gemacht. Und das hätte Deinen Monitor erblinden lassen.

  3. Peter Panther sagt

    Es scheint in der Tat ein spezifisch germanisches Phänomen zu sein, dass Urlaub gleichbedeutend ist mit „sich gehen lassen“ und nahezu jeglichen zivilisatorischen Gepflogenheiten zu entsagen. So etwas wäre schon bei unseren polnischen Nachbarn kaum denkbar. Ballermann lässt grüssen…..

  4. Kein Urlauber sagt

    Tja leider geht im Urlaub nicht nur die gesellschaftliche Konvention bei vielen „baden“: O-Ton Urlauber Paar, welches eine Einbahnstraße verkehrt herum radelte und noch den Gegenverkehr schnitt. Er zu Ihr pass doch auf, sie zu ihm: wieso ich hab doch Urlaub und kann fahren wie ich will. Zum Glück sind ja nicht alle so und ein Grossteil weiss sich eben doch zu benehmen nur leider fallen die negativ Beispiele mehr ins Auge.

  5. Usedom-Willi sagt

    @Peter Panther! Hast grundsätzlich Recht mit den polnischen Nachbarn. Leider geht die Tendenz inzwischen allerdings auch bei einigen unserer Nachbarn auch in Richtung Ballermann… Das überrascht mich manchmal, denn ich kenne dieses Land und die Sitten und Gebräuche inzwischen eigentlich ganz gut. Bleiben wir beim Thema „Die Deutschen im Urlaub …“ Wenn Du mal was ordentliches diesbezüglich erleben willst, dann besuche ein Kurhotel in Polen, in welchem überwiegend Deutsche kuren. Es wird Dir die Schuhe ausziehen, was dort von leider nicht wenigen deutschen Gästen an Anstand, übrigens nicht nur in punkto Kleiderordnung bei den Mahlzeiten, präsentiert wird. Da ist der oben beschriebene Mann in einem Ahlbecker Supermarkt vermutlich ein Weisenknabe gegen. Die schicken poln. Frauen vom Service und dann die „locker angezogenen Deutschen“. Unglaublich, peinlich! Ich mag es im Urlaub auch etwas lockerer, schließe mich allerdings dem Kommentar von Jürgen gerne an.

  6. Ich erinnere mich, dass ich mehrfach las, wenn das so weitergeht auf der Insel, würden wir auf der Insel bald Massentourismus bekommen. Das Beispiel zeigt, dass wir schon seit Jahren nicht nur Massentourismus haben, sondern auch seine Auswüchse.
    Abgesehen davon wird der Massentourismus mit jedem neuen Urlauberbett massiver und massiger.
    Die Gemeinde hat dem nichts entgegenzusetzen (die Insel sowieso nicht), hat bis heute nicht mal einen Flächennutzungsplan, braucht allerdings auch bald keinen mehr, weil bals ziemlich alles bebaut sein wird.

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