Kategorie Historisches
Nachdem gestern Bloggerkollege Alex Zander aus dem Freestland eine sehr schöne Postkarte vom Zinnowitzer Strand gebracht hat, kann der Konter natürlich nicht ausbleiben.

Feine Postkarte (ungelaufen) der Schlesischen Verlagsanstalt aus dem Jahr 1905. Entstanden in Zeiten, als Fotografen von Photoshop noch nicht einmal zu träumen wagten, macht diese offensichtliche Fotomontage einen geradezu pittoresken Eindruck.
Womit der Ball jetzt wieder im Freestland liegt.

Die Ansichtskarte ist nicht gelaufen, wegen der Flaggen dürfte das Foto auf die Zeit vor 1918 zu datieren sein.

Feine Postkarte aus dem Jahr 1913. Deutlich anderes Schönheitsideal als heutzutage.
Ich würde gerne auch die Texte der Karten bringen, kann aber kein Sütterlin lesen. Kann jemand helfen?
Am Wochenende wurden in Heringsdorf die alljährlichen Kaisertage gefeiert. Ich glaube es war das erste Fest in diesem Jahr bei dem es fast nicht geregnet hat.

Für die Kaisertage wird mit dem “Flair der zwanziger Jahre” geworben und das ist eine arge Zeitverschiebung. Die goldenen Zwanziger waren die Jahre der Weimarer Republik, Zeiten des Aufschwungs nach dem Dawes-Plan und dem Young-Plan, der Kaiser längst in Doorn im Exil. Die Zeit von Charleston, Jazz, Josefine Baker, Metropolis. Davon war nichts zu spüren am Wochenende.
Eines hatte der Aufschwung damals mit den heutigen Zeiten übrigens gemeinsam: Er war auf Pump finanziert.

Das neue Strandcasino im Seebad Heringsdorf an der Ostsee. Erbaut von den Regierungsbaumeistern Wechselmann und Kawerau in Stettin.
Schöner Stich aus dem Jahr 1898, Illustrierte Zeitung Nr. 2878.
Als ich in Swinemünde war, stand der Gewittersturm über der pommerschen Bucht. Der Himmel war schwarz und die See war schwarz, und nur am Horizont blieb glänzend hell ein Streifen und ein Blick in das Licht der Welt offen.
So sah es aus, als ob die Erde zwischen zwei schwarzen Brettern breitgedrückt werden sollte; die ganze Erde mitsamt uns lästigen Wanzen dadrauf.
Die weißen Wellenkämme tauchten auf, und die Segel flatterten wie ängstliche Schmetterlinge. Und es ist so schön, sich sagen zu dürfen, daß man diese Herrlichkeit in vier Stunden von Berlin erreichen kann. Nur vier Stunden von Siechen auf dem Potsdamer Platz bis zum Zorne Poseidons.

Im übrigen bin ich gewillt, Swinemünde ein stattliches Seebad zu nennen. Es hat ein respektables Kurhaus, weiche Promenaden und einen ungewöhnlich herrlichen Kurpark. Nicht solch einen lütten Kurpark, wie sonst die Bäder mit einer Fontäne mit einer Büste Kaiser Wilhelms des Großen drin, nein, einen richtigen Park mit weiten Wiesen und mit Alleen, durch die man spazieren gehen kann, wie in der Rue de Rivoli zu Paris. Auch kauft man dort genau dieselben Andenkenkinkerlitzchen wie eben in der Rue de Rivoli nicht anders.
Das Schönste aber in Swinemünde ist, wenn die Küstenbatterien der Festung sich im Scharfschießen üben. Dann zittern alle Scheiben, und alle Trommelfelle dröhnen, was den Swinemünder Badegästen nicht zu schaden scheint, denn sie sehen alle wohl und munter aus. Jeder Schuß kostet 3600 Mark, und wenn den Vormittag über geschossen worden ist, so ist eine Summe über das Wasser verpulvert, für die man ein schönes Krankenhaus hätte bauen und auf einige Jahre dotieren können. Als durchaus militäruntauglicher Mann verstehe ich den Zweck dieser geistvollen Beschäftigung nicht ganz, bin aber fest überzeugt, daß er vielen Leuten Spaß machen und Nutzen bringen wird.
Victor Auburtin, Berliner Tageblatt 1921
Aus “Sand und Sachsen”, 2000 im Verlag Das Arsenal erschienen, 60 Seiten, ISBN 3 931109 18 6. Eine sehr unterhaltsame Lektüre für den Strand oder den Kaffee auf der Promenade.
Ein Feuilleton von Auburtin über Heringsdorf gibt es hier und eines über Ahlbeck hier.
Ahlbeck
Hier können Familien Kaffee kochen. Paulsbornstimmung. Oder Eierhäuschen in Treptow, Sonntag nachmittags. Stullenpapier in Massen. Kleine Kinder schreien. Man trinkt Versandbier; stippt Streuselkuchen in den Kaffee und hört sich dabei – o du ewig rätselhftes Deutschland – den Abendstern aus dem Tannhäuser an. Alles sehr anständig, manierlich, keineswegs laut; durchaus die bescheidene Gemütlichkeit des wohlanständigen Bürgertums. Doch kenne ich einige Sonderlinge – darunter einen mir persönlich außerordentlich nahestehenden Herrn in mittleren Jahren – die in Ahlbeck nicht dauernd leben möchten. Schon wegen des Bismarckturmes da oben nicht, der genau so aussieht wie ein Patentzigarrenabschneider. Er hat Henkel, um bequemer wegtransportiert werden zu können.

Zeichnung: Ernst Heilemann
Als ich mit dem Dampfer quer über die See nach Hause fuhr, saß neben mir eine romantisch veranlagte Dame und blickte träumerisch in die Wellen.
“Das Meer ist süß”, flüsterte sie einmal nach dem andern.
Vergebens versuchte ich, ihr diesen naturwissenschaftlichen Irrtum auszureden. “Das Meer ist nicht süß”, sagte ich, “es ist salzig. Im Gegenteil ist unsere Spree süß, wovon Sie sich leicht überzeugen können, wenn Sie einmal in der Nähe der Jannowitzbrücke kosten wollten.”
Es half alles nichts; die Dame blickte entzückt und blieb dabei, daß das Meer süß sei.
Mitten auf der Fahrt fing das Schiff an zu schaukeln, und der Dame wurde übel.
“Das kommt von den Süßigkeiten”, murmelte ich und holte ihr einen Emailleeimer.
Victor Auburtin, Berliner Tageblatt 1921
Aus “Sand und Sachsen”, 2000 im Verlag Das Arsenal erschienen, 60 Seiten, ISBN 3 931109 18 6. Eine sehr unterhaltsame Lektüre für den Strand oder den Kaffee auf der Promenade.
Ein Feuilleton über Heringsdorf gibt es hier.
Heute gab es bei Deutschlandradio Kultur im Länderreport eine schöne Geschichte von Claus Stephan Rehfeld über die heimliche Landeshymne Mecklenburg-Vorpommerns, das Ostseewellenlied. Sehr schön gemacht mit vielen Informationen zur Autorin Martha Müller-Grählert, dem Komponisten der Melodie und verschiedenen Adaptionen, die bis ins Fassatal reichen, das auf Usedom nicht ganz unbekannt ist.
Schon in einer Sendung zum Thema Hymne in Meck-Pomm im Jahr 2009 hat der gleiche Autor die Geschichte von “Mine Heimat” sehr treffend beschrieben:
“Mine Heimat”. Ein Fernwehlied, leider, leider, auch das bekannteste Lied. Martha Müller-Grählert, eine gebürtige Vorpommerin, verheiratet mit einem Sachsen, dichtete es in Preußen, genauer in Berlin; den – also den Text – brachte ein Flensburger nach Zürich, wo der von einem Thüringer vertont und als Lied uraufgeführt wurde – das Ostseewellenlied, weltbekannter als Nordseewellenlied.
Nachlesen kann man die Sendung hier, nachhören geht bis jetzt noch nicht.
Dieses Ostseebad Heringsdorf wird Berlin immer ähnlicher. Es hat nicht nur seine Theater mit Premieren drin, es hat jetzt auch schon ein ganz richtiges Nachtleben, wie man es sich nicht schöner denken und wünschen kann. American Bars, Danny Gürtler, Kabaretts, Soireen, die echten Wiener Originalschrammeln (genannt: d‘ Praterspatzen), eine Indianerkapelle, Tiroler Sänger, Nachtcafés, alles ist da, daß ein naturfreudiges Gemüt nicht in Verlegenheit zu kommen braucht. Und die ganze Nacht hört auf den Straßen der fröhliche Betrieb nicht auf. Und bei der Table d’hôte sagt der eine: „Wir sind gestern um zwei Uhr nach Hause gekommen“, worauf der andere triumphierend erwidert: „Na, und wir erst um halb vier.“
Kurz: es ist etwas los in Heringsdorf. Es ist Betrieb vorhanden. Oder, um das Ding beim rechten Namen zu nennen: es ist todschick in Heringsdorf.
Nur eine Wasserrutschbahn, wie wir sie im Berliner Lunapark haben, ist merkwürdigerweise vorläufig immer noch zu vermissen. Doch können wir in die Entwicklung Heringsdorfs das unbedingte Vertrauen setzen, daß auch das bald erreicht werden wird. Wer schon bei Danny Gürtler angelangt ist, der ist nicht mehr weit von der Rutschbahn. Es ist nur noch ein Schritt, und dieser Schritt muß und wird gemacht werden.

Ich will gegen ihr Bad nichts Böses sagen, bin vielmehr gesonnen, es unter dem nächsten Stern als die Königin der Ostseebäder zu preisen und sein Lob in jeder Weise zu singen. Aber gesagt darf doch wohl werden, daß ich die Bedingungen dieses seltsamen Erholungsbetriebes nicht verstehe und nicht begreifen kann, wie dieser muntere Lärm hier Großstädtern, die vom Lärm erschöpft sind, förderlich sein kann. (weiterlesen …)

Noch eine Aufnahme aus dem Jahr 1927. Wieder Otto Dobbri, Gesang wohl Max Kuttner. Lässt sich leider nicht einbetten, zum anhören hier klicken.