Die Nackten, die Medien und das Sommerloch

Kurioses / Menschliches

Das Sommerloch ist gemeinhin eine Bezeichnung für eine nachrichtenarme Zeit, die vor allem der urlaubsbedingten Abwesenheit der zahlreichen Parlamentarier und sonstigen Lautsprecher von Parteien und Verbänden geschuldet ist. Wenn nun im Sommer nur besonders wenige Parlamentarier da sind, dann nutzen diese Zurückgebliebenen gerne die gesteigerte Aufmerksamkeit der verzweifelt nach Material suchenden Journaille, um das Auge der Weltöffentlichkeit mit besonders absonderlichen Absonderungen auf sich zu lenken.

Diese Chance wollte sich in diesem Jahr der Swinemünder Stadtverordnete Edward Zajac von der Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS), der sich wegen des in Sichtweite der Grenze in Ahlbeck gelegenen FKK-Strandes angepisst fühlt, nicht entgehen lassen. In einer Sitzung des Stadtrates ereiferte er sich über die Abartigkeit der deutschen Nudisten und die Zumutung für polnische Spaziergänger, die sich nach dem passieren der nicht mehr vorhandenen Grenze plötzlich von nackten Deutschen umzingelt sahen. Der gute Herr Zajac verstieg sich am Ende zur Forderung, den deutschen FKK-Strand gefälligst in ausreichender Entfernung zur polnischen Staatsgrenze unterzubringen.

Das alles wäre vermutlich niemandem aufgefallen, hätte nicht die polnische Journalistin Monika Stefanek den Artikel ihrer Kollegin Anna Starosta vom 28. Juni im Głosu Szczecińskiego in die deutschen Agenturmühlen gegeben. So fand diese skurrile Geschichte langsam aber sicher ihren Weg in die vom Sommerloch gebeutelte internationale Medienlandschaft.

Knapp zwei Wochen später, am 11. Juli taucht die Geschichte bei der Badischen Zeitung mit dem Titel Ärger auf der Insel Usedom und der Märkischen Allgemeinen unter der Überschrift Schockierte polnische Strandgänger auf. Währen die lokale Presse auf Usedom das Thema sehr gelassen und kurz abhandelte, ging es im Rest der Republik, was sage ich, dem Rest der Welt, jetzt erst richtig los. Am 21. Juli erreicht die Nachricht unter dem Titel Deutsche Nudisten schockieren polnische Strandgänger Nordrhein-Westfalen, am 23. Juli titelt die Welt Polen empört über deutsche Nudisten auf Usedom und fängt an, Dichtung mit Wahrheit zu vermischen: … und fordern nun, dass sich die FKK-Anhänger auf deutsches Territorium zurückziehen. Eine solch unverschämte Forderung kann natürlich im Hause Springer nicht unbeantwortet bleiben und so titelt die Bild-Zeitung am 25. Juli FKK-Krieg an deutsch-polnischer Grenze. Am 26. Juli berichten die Braunschweiger und die Salzgitter Zeitung sowie die Wolfsburger Nachrichten.

Am 28. Juli kommen die unzüchtigen Usedomer Nudisten im Ausland an. In England berichtet der Guardian, der Economist, The Sun, der Daily Star titelt nicht ohne britischen Humor GERMANS AND POLES GO TO WAR…AND THIS TIME THEY’RE NAKED (Deutsche und Polen ziehen in den Krieg … und diesmal sind sie nackt), im Scotsman gibt es einen ausgesprochen blöden Bericht. Sogar China Daily und der Taipei Times in Taiwan sind die nackten Tatsachen eine Meldung wert, ebenso wie Yahoo India und der Times of India. Am 31. Juli berichtet die russische Pravda die Wahrheit und nennt dabei ausgerechnet Bild.de als Quelle.

Nun sollte man annehmen, dass sich die Wellen, die Herr Zajac geschlagen hat, nach vier Wochen langsam wieder legen. Weit gefehlt, das Sommerloch ist in diesem Jahr besonders groß. Die Neue Züricher Zeitung hat am 3. August sehr humorig berichtet, in der Süddeutschen Zeitung geht es am 4. August mit Nackte Wut weiter, inzwischen ist die Sache „zu einem internationalen Problem geworden“. Auch die Frankfurter Rundschau berichtet in belustigtem Ton. Der Berliner Kurier legt am 6. August nach: Nackte Deutsche stören kleinen Grenzverkehr und titelt unfreiwillig komisch weiter: „POLEN MASSLOS ERREGT“ und „Konservative aus Swinemünde reiben sich am FKK-Strand von Ahlbeck“. So sind sie, die polnischen Konservativen. Erst aufregen, dann masslos erregt sein und dann der Erregung durch reiben am deutschen FKK-Strand Herr werden. 😉 Gestern hat auch der Focus endlich was von dem FKK-Krieg an der Ostsee mitbekommen.

Nicht vergessen wollen wir auch die diversen TV-Teams die sich der nackten Tatsachen angenommen haben. Angeblich soll sogar das japanische und das französische Fernsehen berichtet haben. N24 hat am 7. August unter dem Titel „Polen fordern Nackt-Verbot für Insel Usedom“ einen Beitrag gesendet.

Am Ende des Tages verdanken wir Herrn Zajac eine Pressekampagne, die andere Tourismusregionen sich sonst für teures Geld erfinden lassen. Deshalb wollen wir ihn hier auch mit einem kleinen Lied frei nach Hoffmann von Fallersleben würdigen:

Ein Männlein steht am Strande ganz still und dumm,
Es hat von lauter Unschuld ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht am Strand allein
Mit dem purpurroten Köpfelein.

Das Männlein steht am Strande auf einem Bein
Und hat an seinem Auge ein Fernglas klein,
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht am Strand allein
Mit dem schwarzen Fernglas klein?

gesprochen:

Das Männlein dort auf einem Bein
Mit seinem roten Köpfelein
Und seinem schwarzen Fernglas klein
Kann nur der Edward Zajac sein.

Nachtrag 12.08.:

France24 tv (entspricht wohl der Deutschen Welle) hatte in seinem englischsprachigen Programm am 03. August einen Beitrag mit dem Titel Nackte Deutsche gegen puritanische Polen. Für diese Woche hat sich noch ein Kamerateam von arte und vom N3 aus der DAS-Redaktion angekündigt.