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10 Jahre Planung Ortsumgehung Wolgast

Es gibt ein altes Sprichwort, das da lautet: Unrecht Gut gedeiht nicht. Man könnte fast meinen, das treffe auch auf die Ortsumgehung Wolgast zu. Die Zusage für deren Bau war bekanntlich eine der Kompensationsleistungen für die Zustimmung der rot-roten Landesregierung zur sogenannten Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung am 14. Juli 2000.

Am 12. Oktober 2000 kündigte der damalige Ministerpräsident Ringstorff bei einer Bereisung des Landkreises den Beginn der Planungsarbeiten für den Dezember 2000 an. Lange bevor die Ortsumgehung Wolgast überhaupt im Bundesverkehrswegeplan war. Seit dem Beschluss der Bundesregierung vom 2. Juli 2003 ist die Ortsumgehung unter der Nummer MV 8035 als neues Vorhaben mit besonderem naturschutzfachlichem Planungsauftrag im vordringlichen Bedarf verankert mit Baukosten für den Bund in Höhe von 39 Millionen Euro.

Das zuständige Straßenbauamt Stralsund schritt irgendwann im Jahr 2001 dann flott zur Tat und es begann ein intensives Planen für die Ralf-Sendrowski-Gedächtnisbrücke. Im Mai 2003 ging das Straßenbauamt bereits von Baukosten in Höhe von 50 Millionen Euro aus. Dumm nur, dass sich nach Abschluss der Vorplanung der Finanzierungsbedarf auf 84 Millionen Euro belief. Da muss wohl kräftig etwas aus dem Ruder gelaufen sein. Was tun? Streichen, kürzen, irgendwie wieder in die Nähe der ursprünglichen Kosten kommen. Gestrichen wurden dann im wesentlichen die sogenannten Überwerfungsbauten, die eine kreuzungsfreie Einbindung der Umgehungsstraße in das Straßennetz ermöglichen sollten (als Beispiel sei die Anklamer Redoute genannt). Diese sollen jetzt durch Ampeln ersetzt werden. Schöne Aussichten auf neue Staupunkte.

Aber auch das brachte die Kosten nur auf 72 Millionen Euro herunter. Rein zufällig und natürlich ohne jeden sachlichen Zusammenhang hat man im Juni diesen Jahres dem Straßenbauamt Stralsund den Planungsauftrag entzogen und diesen an die DEGES übergeben, was ein ziemlich einmaliger Vorgang ist. Angeblich soll das Bundesverkehrsministerium alle weiteren Arbeiten auf Eis gelegt haben, bis geklärt ist wie es zu dieser Kostenexplosion kommen konnte und wie die Kosten wieder auf ein erträgliches Maß gebracht werden können.

Nachdem man im Jahr 2003 den Baubeginn für 2006, im Jahr 2005 den Baubeginn für 2009 und in diesem Jahr den Baubeginn für 2013 angekündigt hat, wage ich jetzt und hier die Prognose: Vor 2020 wird das nichts. Das Planfeststellungsverfahren hat noch nicht einmal begonnen und ich würde drauf wetten, es wird Klagen geben in dem Verfahren.

Falls ich dann noch blogge, habe ich auch schon eine passende Überschrift: 20 Jahre Planung Ortsumgehung Wolgast.

Vergessen

Vor 10 Jahren, in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 2000 haben vier rechtsradikale Ahlbecker Jugendliche den Obdachlosen Norbert Plath hinter der Ahlbecker Kirche zu Tode getreten.

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Es wäre ein Anlass gewesen, es hätte einer sein müssen, um die Glocke in dem aus diesem traurigen Grund errichteten Glockenstuhl im Rahmen einer kleinen Gedenkstunde zu läuten.

Vergessen.

Insel-Zeitung vor dem Aus?

Diese Frage muss man sich wohl ernsthaft stellen, wenn man sich den heutigen Lokalteil ansieht. Ein gutes Drittel der ersten Seite schmückt das Bild eines Dackels und die Mitteilung über den Beginn der Hundstage. Illa Klein, die ausweislich des Impressums kein Mitglied der Redaktion ist, versucht sich dann gleich noch als Wettervorhersagerin:

In der Regel wird das eine Zeit mit stabiler Hochdruckwetterlage und warmen Luftmassen.

Da sind wir dann ja mal gespannt. Dumm nur, dass die Hundstage kein meteorologisches, sondern ein astronomisches Phänomen sind, wie man auf Astrowetter schön nachlesen kann.

Neben zwei kleinen Abschriften aus dem Polizeibericht ist der Rest der Seite dem Thema Ehescheidungen gewidmet. Zugekauft von einer freien Journalistin handelt dieser Artikel nur in vier kurzen Sätzen von der Situation in Ostvorpommern, der Rest sind Bundes- und Landeszahlen. Abgesehen davon, dass er Schnee von gestern ist. Die zitierte Pressemitteilung des statistischen Landesamtes stammt bereits vom 8. Juli, der Artikel wurde weitestgehend wortgleich bereits am 8. Mai in der südthüringischen Zeitung “Freies Wort” veröffentlicht.

Noch peinlicher als diese billige Seitenfüllerei ist die Tatsache, dass in der Redaktion offenbar niemand dieses Geschwurbel gelesen hat. Anders kann man sich die Überschrift

Immer mehr Frauen setzen Schlussstrich unter die Ehe

nicht erklären. Im Text steht nämlich genau das Gegenteil:

Die Männer emanzipieren sich sich jedoch auf diesem Gebiet langsam: Seit Anfang der 1990er Jahre beobachtet das Statistische Landesamt eine Zunahme von männlichen Antragstellern.

Kann ich mir jetzt aussuchen, was ich glauben will? Auch die Zwischenüberschrift

Zahl der von Scheidung betroffenen Kindern nimmt weiter ab

passt ins Bild. Sowohl von der Rechtschreibung als auch vom Kontext. In der Grafik direkt darunter werden die Unterschiede zwischen den Jahren 2008 und 2009 als Entwicklung (!) dargestellt und siehe da: In Ostvorpommern ist die Zahl der betroffenen Kinder gestiegen. Unter der Grafik steht dann in sinnfreiem Zusammenhang als Erläuterung: Die Zahl der Scheidungen von Langzeitehen hat sich seit Anfang der 90er Jahre mehr als verdoppelt.

In diesem Stil geht es in der Insel-Zeitung flott weiter. Eine Drittelseite mit einem Bericht über die Sommerferien von Kindern der Gemeinde Kleve in Lassan, ein weiteres Drittel über einen Sommerkurs für Kinder mit Diabeteserkrankungen in Karlsburg und einem Vorkommnis in Ducherow, eine halbe Seite über die Band einer Minimusikschule in Krien und eine weitere halbe Seite über die Sanierung der Kirche in Wietstock. Was haben alle diese Orte gemeinsam? Bingo. Keiner hat etwas mit Usedom oder mit Wolgast zu tun.

Es gibt immerhin ganze zwei Artikel aus Wolgast. Einer berichtet über die erste Bürgerkonferenz unseres Ministerpräsidenten, eigentlich ein spannendes Thema. Eigentlich. Die Expertin für Hundstage hat nämlich fleissig die durchaus interessanten Fragen aufgezählt, nur leider bekommt der verblüffte Leser die Antworten von Herrn Sellering nicht zu lesen. Mich hätte schon interessiert, was der Ministerpräsident zur Umgehung in Wolgast, zum Atommüll in Lubmin oder zu einer gerechten Wichtung von Kultur zu sagen hatte. Aber da waren die Nachrichten aus Karlsburg, Krien und Wietstock natürlich wichtiger.

Man hätte allerdings auch die halbe Seite Traueranzeigen nehmen können, die aus Demmin, Templin, Mirow, Medow, Pasewalk und Rosenow stammen. Oder die halbe Seite Eigenwerbung für Familienanzeigen zum Schulanfang. Dann hätte man ordentlich Platz für die Antworten des Ministerpräsidenten gehabt.

Der zweite Artikel über Wolgast ist auch nur ein billiger Lückenfüller, produziert von der Lokalredaktion in Pasewalk. Weil es eigentlich um ein Bildungswerk von dort geht.

Einen besonderen Höhepunkt steuert noch Jörg Franze bei, ebenfalls kein Redaktionsmitglied, in der täglichen Kolumne “Ganz nebenbei”. Die ganz nebenbei bemerkt leider nicht mehr das ist, was sie zu Zeiten von Uwe Reißenweber einmal war.

Alle schimpfen auf BP, aber eine wirkliche Vorstellung davon, wie es ist, dieses Leck in der Bohrplattform zu schließen, hat keiner. Doch manches Problem kann man auch im eigenen Umfeld und mit einfachen Mitteln nachstellen, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Nehmen Sie beispielsweise den Gartenschlauch, drehen das Wasser voll auf und spielen beim abendlichen Wässern gedankenverloren am Patent-Steckverschluss der Spritzdüse. Wenn diese dann durch unqualifiziertes Rumfingern abgefallen ist und sich das Wasser schwallweise aus dem Schlauch ergießt, dann versuchen Sie, die Spritzdüse wieder aufzustecken. Sehen Sie, so ungefähr geht es BP.

Abgesehen davon, dass das Leck nicht in der Bohrplattform ist, sondern in 1.500 Metern Tiefe und abgesehen davon, dass eine solche Umweltkatastrophe nicht geeignet ist für infantile Vergleiche mit Gartenschläuchen, löst jeder normal Begabte das Problem ganz einfach: Schlauch hinlegen und Wasser abdrehen.

Wenn ich jetzt alles zusammenfasse, habe ich in der heutigen Insel-Zeitung nicht einen einzigen Artikel von der Insel zu lesen bekommen, sondern eine Menge absolut belangloses Zeug aus dem Landkreis ohne jeden Nachrichtenwert. Das ganze mit möglichst großen Bildern, damit nicht so viel Text geschrieben werden muss. Das bewegt sich mittlerweile auf dem Niveau eines kostenlosen Anzeigenblattes. Und es liegt mit Sicherheit nicht an einem Mangel an Themen auf der Insel oder in Wolgast.

Leider wird das wohl Normalzustand werden bei der Insel-Zeitung des Notkuriers. Das Redaktionsbüro in Heringsdorf wurde bereits aufgelöst, eine ohnehin verwaiste Redakteursstelle gestrichen und die verbliebene Redakteurin hat keinen Stuhl in der Anklamer Redaktion. Jedenfalls kann man sie dort nicht erreichen. Aus dem Umfeld der Anklamer Redaktion wird kolportiert, die Insel-Zeitung solle demnächst komplett von einer Agentur produziert werden. Sollte mich nicht wundern.

Es ist ein Elend.

Wir für Gauck

Unter der URL http://www.wir-fuer-gauck.de/ hat Nico Lumma eine Online-Unterschriftensammlung zur Unterstützung der Bewerbung von Joachim Gauck um das Amt des Bundespräsidenten initiiert. Via Anke Gröner.

Vor etwas mehr als 5 Monaten fand unsere Kanzlerin ihn auch noch ganz toll, zumindest hat sie das in ihrer Laudatio zum 70. Geburtstag von Herrn Gauck behauptet:

Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn Sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind.

Leider wird ja heutzutage Kompetenznachweis für öffentliche Ämter nur noch in Form von Parteibüchern eingefordert, da wird Herr Gauck leider keine Chance haben am 30. Juni. Schade.

Stimmvieh

Am 30. Juni werden sie wieder auf die Weide in Berlin getrieben.

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Gesehen zwischen Benz und Neppermin.

Der Mantel des Schweigens

In der Vergangenheit war es guter Brauch, dass allmonatlich die neuesten Tourismuszahlen unter großem Jubelgetöse veröffentlicht wurden. Man hatte sich an Zuwächse gewöhnt und fiel dem absurden Glauben anheim, es gebe immer währendes Wachstum bei den Übernachtungszahlen.

Im Januar musste das Getöse bereits ausfallen. Die Übernachtungen gingen landesweit um 5,4 % zurück. Besonders stark betroffen war wieder einmal Rügen mit -15,5% und auch Usedom mit dem Appendix Vorpommern mit -8,2%.

Dann geschah etwas seltsames. Normalerweise werden die Zahlen des jeweiligen Monats spätestens sieben Wochen nach dessen Ende durch das Statistische Amt Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Aber nicht im Februar 2010. Dessen Zahlen sind bis heute nicht bekannt gemacht. Wahrscheinlich hat es den Verantwortlichen im Land die Sprache verschlagen bei einem Rückgang bei den Übernachtungen von 12%. Wieder an der Spitze: Rügen mit -25,6% (!) und Usedom mit -12,8%. Haben sie irgendetwas davon in der Presse zu lesen bekommen oder gar einen Erklärungsversuch gehört?

Gestern dachte ich schon, dieser Beitrag wäre von der Zeit überholt. Auf der Seite des Statistischen Amtes gab es eine Presseerklärung zu den Märzzahlen, von denen ich ähnlichen Umgang wie mit denen aus dem Februar erwartet hatte, nämlich Unterschlagung.

Ich muss dazu erklären, dass ich schon seit Jahren verschiedene Newsletter der Statistiker abonniert habe, natürlich auch den für Handel, Tourismus und Dienstleistungen. Da werden sonst auch die Tourismuszahlen verschickt. Gestern aber nicht. Die Pressemitteilung ist seit gestern online, ob sie an die Redaktionen verschickt wurde, weiss ich nicht. Ich vermute es aber, da eine andere Pressemitteilung von gestern heute in den Tageszeitungen eine Rolle spielte.

Im März war landesweit erneut ein Minus von 3,6% zu verzeichnen, das aber durch einen Zuwachs bei den Campingplätzen gemindert ist. Im Bereich der Hotellerie waren es -6,7%. Auch hier wieder an der Spitze Rügen mit -5,8% und Usedom mit -13,3%.

Wie gesagt, ich dachte dieser Beitrag sei gestorben. Bis ich heute morgen die beiden Tageszeitungen aufschlug und keine Silbe über die Übernachtungseinbrüche zu lesen war.

Man nennt es den Mantel des Schweigens.

Es geht auch kleiner

Eine überraschende Kehrtwende hat der Inselrat in seiner gestrigen Sitzung in Sachen Usedom-Welcome-Center vollzogen. Ursprünglich zur Schaffung der Grundlagen für eine Investition in Höhe von geschätzten 12 Millionen Euro zusammengetreten, präsentierte der Architekt K. Lauer zu Beginn der Sitzung die Lösung auf Deutschlands schönster größter Insel Rügen.

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Die dortige Tourismuszentrale betreibt in Rambin eine schlichte Variante eines Welcome-Centers in Form eines handelsüblichen Holzhauses, zu erwerben in gut sortierten Baumärkten. Diese preiswerte, schnell zu errichtende Lösung überzeugte am Ende einer hitzigen Diskussion alle.

Die Naturfreunde begrüßten den geringen Flächenverbrauch und die Möglichkeit das Welcome-Center mit nachwachsenden Rohstoffen aus dem Naturpark zu bauen, während die stets pragmatisch denkenden Kommunalpolitiker noch weitaus größere Vorteile sehen. Wegen der geringen Anschaffungskosten kann sich die Insel nicht nur ein Welcome-Center leisten sondern gleich mehrere, so dass die schwierige Aufgabe der Standortentscheidung entfällt. Daraus resultiert ein weiterer nicht zu unterschätzender Effekt: Mit der so geschaffenen Dezentralität werden lange Anfahrtswege der Besucher und damit eine wachsende Verkehrsbelastung vermieden. Auch die Finanzfachleute waren am Ende überzeugt, denn im Winter, wenn ohnehin nur wenige Urlauber da sind, kann man die Welcome-Center einfach schliessen und wenn sich ein Standort im nachhinein als ungeeignet erweisen sollte, nun dann baut man das Holzhaus einfach ab und an anderer Stelle wieder auf.

Nach der Sitzung fragten sich nicht nur die Besucher, warum man nicht schon viel früher auf diese geniale Lösung gekommen ist. Den Äusserungen der anwesenden Bürgermeister zufolge werden bis zum Beginn der Sommersaison bereits Welcome-Center in Usedom, Benz, Kamminke, Peenemünde, dem Grenzparkplatz in Ahlbeck und auf der Wolgaster Schlossinsel entstehen. Das Wolgaster Center soll dann nach Fertigstellung der Umgehungsstraße im Jahr 2025 an die neue Brücke umgesetzt werden.

Wir sind und bleiben die letzten

Das statistische Landesamt hat dieser Tage wie jedes Jahr die durchschnittlichen Bruttolöhne veröffentlicht. Meck-Pomm verteidigt tapfer die rote Laterne. Der durchschnittliche Bruttolohn betrug 2009 doch ganze 21.890 Euro (79,2 %), das sind 272 Euro oder ca. 1,2 % mehr als 2008. Es geht voran! Der Rückstand auf den Bundesdurchschnitt beträgt nur noch 5.758 Euro gegenüber 6.133 Euro, was aber zum guten Teil daran liegt, dass der Durchschnitt in Deutschland um 103 Euro auf 27.648 gesunken ist.

Auf den Plätzen 1 und 2 hat sich nichts verändert. Hamburg führt mit 32.883 Euro und Hessen folgt mit 31.043 Euro. Nur falls noch einmal jemand drüber nachdenken sollte, warum Meck-Pomm vergreist und verblödet, dann hat er hier die Antwort. Alles was jung und gescheit ist und genug Ehrgeiz hat hält es hier mit den Bremer Stadtmusikanten (allerdings in leicht abgewandelter Form):

… etwas Besseres als den Tod die Armut findest du überall …

Warum wir vom Usedom-Center die Finger lassen sollten

Hannes Albers, der nahe der Benzer Kirche eine Galerie betreibt, hat in der OZ einen Leserbrief veröffentlicht, in dem er sich kritisch mit dem geplanten Usedom-Center auseinandersetzt. Er bringt eine Reihe von guten Gründen und Zweifeln vor, von denen ich nicht alle, aber doch eine ganze Menge teile. Meine Skepsis hat mehr mit dem meiner Meinung nach überholten Konzept eines Besucherzentrums zu tun, dazu werde ich aber gesondert noch etwas schreiben.

Er hat mir freundlicherweise gestattet, seinen Leserbrief hier auf dem Blog zu veröffentlichen. Vielleicht ergibt sich dann wenigstens hier eine offene Diskussion, man hat sonst leider den Eindruck, dass diese mit 12 Millionen Euro seit dem Bau der Ostsee-Therme teuerste Investition in öffentliche, touristische Infrastruktur der Mehrzahl der Leute auf gut deutsch gesagt am Hintern vorbeigeht.

Hier also der Text von Hannes Albers:

Zugegeben: Ich habe in einigen Workshops des Tourismusverbandes TVIU am Inhalt des Usedomhauses mitgearbeitet und mich zunächst, auch öffentlich, zustimmend geäußert. Ich nehme diese Zustimmung zurück und begründe meinen Meinungswandel wie folgt.

1. Die Insel Usedom ist in ihrer kommunalpolitischen Struktur nicht in der Lage, ein Projekt dieser Größenordnung zu stemmen. Zerklüftet in Gemeinden und Ämter, hat Usedom bisher sträflich versäumt, sich einen einheitliche Anzug zu schneidern: Eine Stadt – eine Insel. Auf der Insel ist kein Führungsgremium vorhanden. Weder in der Kommunalpolitik noch im Tourismus. Auf Usedom hat sich keine Persönlichkeit herauskristallisiert, die eine Führungsfigur ist. Die Insel hat keine Vision. Der Inselrat, ohne Kompetenzen und vor allem ohne Haushalt, ist eine Farce.

2. Alle Beteiligten auf Usedom, in der Kommunalpolitik und im Tourismus, haben in den zurückliegenden Jahren sträflich versäumt, die Verkehrsprobleme anzupacken, ja zu lösen. Plötzlich wundern sich alle Beteiligten über das Ergebnis ihres Versagens. Wir stehen Sommer für Sommer im Stau. Der Verkehr erstickt Einheimische und Gäste gleichermaßen. Diese Insel war nicht einmal in der Lage, die Notwendigkeit einer durchgehenden Eisenbahn-verbindung Berlin-Usedom-Berlin rechtzeitig bei den politischen Entscheidungsträgern in Berlin zu positionieren. Jetzt hinken wir ALLE hinterher.

3. In den bisherigen Arbeitsgruppen haben wir zwar über Standorte und Inhalte diskutiert, aber sträflich veräumt, das Thema Verkehr im Zusammenhang mit dem geplanten UsedomHaus entsprechend zu beleuchten. Diese Problematik ist, bewußt oder unbewußt, weitgehend ausgeklammert worden. Ein Usedomhaus, das als attraktiver Anziehungspunkt in einer modernen Architektur entstehen soll, wird zusätzliche Verkehrsströme auf dieser Insel schaffen. Diese wird die Insel in absehbarer Zukunft nicht verkraften. Deshalb schlage ich vor: Jeder Pfennig muß in die Lösung der Verkehrsprobleme gesteckt werden. Wenn Kommunalpolitik und Tourismus das Verkehrsproblem gelöst haben, ist noch viel Zeit für weitere Projekte. Vor allem wäre es unverantwortlich, ein Usedomhaus an den Rand der Insel zu stellen. Ein Usedomhaus, falls der Neubau kommt, gehört in die Mitte, am besten in das deutsch-polnische und damit in das europäische Zentrum Ahlbeck-Swinemünde.

4. Wir setzen uns auf Usedom künstlich unter Druck, indem wir uns auf attraktive Fördertöpfe mit hohen Förderquoten verweisen lassen, die in Zukunft angeblich nicht mehr zur Verfügung stehen. Jetzt zugreifen, ist die Devise - später gehen wir leer aus. Das jedoch widerspricht jeder Lebenserfahrung. Auch später werden Land und Bund neue Fördertöpfe einrichten. Hier wird von interessierter Seite Druck ausgeübt. Bei der Schaffung von neuen entsprechenden kommunalpolitischen Körperschaften ist kalter Verstand gefordert: Was passiert, wenn die jetzt genannte Bausumme erheblich überschritten wird? Ich habe noch NIE ein Bauprojekt erlebt, das billiger als geplant abgerechnet worden ist. Jeder Gemeindevertreter in den zuständigen Insel-Gemeinden sollte sein Gewissen genau hinterfragen, ob er zustimmen darf, ohne sicher zu sein: dass die Betreiberkosten ständig im Plus sein werden und nicht ins Minus rutschen. Wer trägt auf einer Insel, die keine gemeinsame kommunalpolitische Plattform hat, die Verluste? Die finanzielle Situation der zersplitterten Gemeinden wird von Jahr zu Jahr schlechter werden. Der Kreis Ostvorpommern ist schon heute fast handlungsunfähig. Mein Rat: Auch auf diesem Hintergrund sollten wir vom Usedomhaus die Finger lassen.

5. An den Workshops des Tourismusverbandes Insel Usedom (tviu) und der Präsentation der Machbarkeitsstudie haben sich erschreckend WENIGE von der Insel, kaum Bürgermeister und Hoteliers, beteiligt. Das Usedomhaus löst keine Begeisterung aus. Ich sehe keine Führungs-Persönlichkeit auf der Insel, die diesen Trend drehen könnte. Auch Leserbriefe, die bisher erschienen sind, waren voller skeptischer Fragen oder gar schroff ablehnend. Der Hinweis auf andere, angeblich erfolgreiche Häuser dieser Art (Waren/Müritz, Bremerhaven) bringen uns nur begrenzt weiter. Dort haben intakte Städte mit einem einzigen Parlament und einer einzigen Stadt-Regierung die Projekte zu einer ganz anderen Zeit mit ganz unterschiedlichen Zielrichtungen durchgezogen.

6. Natürlich benötigt jedes Feriengebiet, neudeutsch als Feriendestination verunstaltet, attraktive Orte für die UrlauberInnen. Auf Usedom haben wir viele wichtige, kleine und große, Attraktionen, die einzigartig sind, aber dringend baulich erweitert, inhaltlich verbessert oder finanziell gesichert werden müssen: vom HTI in Peenemünde über die Schmetterlingsfarm in Trassenheide, das ONH-Atelier in Koserow, den Kunstpavillon in Heringsdorf, das Schloß in Stolpe bis zum Naturschutzzentrum in der Stadt Usedom. Usedom sollte Zeit, Phantasie, Kraft und Geld in diese naheliegenden Projekte investieren. Ein Usedomhaus würde für diese Einrichtungen eine Konkurrenz sein, die derzeit schwer zu verkraften ist. Vom Usedomhaus sollte diese schöne Insel weiterhin träumen, bzogen auf das Jahr 2030. Falls wir dann Eine Stadt – eine Insel sind!

Spruch der Woche

Wir sind das Volk

Demonstranten in Leipzig am 9. Oktober 1989

Es läuft mir heute noch eiskalt den Rücken herunter, wenn ich die Fernsehbilder dazu sehe. Ich bin voller Bewunderung für den Mut, den die Demonstranten dort gezeigt haben und voller Trauer über die Mutlosigkeit, die heute viele erfasst hat. Wir sollten uns tatsächlich öfter daran erinnern, dass wir das Volk sind und alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht.